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Leseproben aus meinem Buch "Vom Leben schwer gefoult"
von Josef Hönerlage
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Eine Vater-Sohn- Geschichte von Fußball, Schicksal, Neuanfang

Leseproben aus meinem Buch "Vom Leben schwer gefoult"

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Birks Leben stand auf der Kippe. Falls er am Leben bleiben würde, was für ein Leben könnte das sein, möglicherweise ein Leben mit dauerhaften Schwerbehinderungen. Ich selbst war ebenfalls an einem Nullpunkt angekommen, ich wusste, dass auch mein Leben vor einer Zäsur stand. Der schwere Unfall meines Sohnes hatte mir innerlich zugesetzt. Ich hatte das Gefühl, mich an einem unbekannten Ort in meinem Vater sein zu befinden. Da war einerseits eine große Dankbarkeit in mir, dass Birk lebte, und die Hoffnung, dass alles wieder gut werden würde. Da waren andererseits aber auch mein Verstand und das Wissen, dass vieles nicht mehr so werden würde, wie es einmal war. Dass mit großer Wahrscheinlichkeit mein Sohn dauerhafte Schäden behalten würde, dass im schlimmsten Fall bleibende schwerste geistige und körperliche Schäden möglich sein konnten. Die Vorstellung, dass Birk, der leistungsorientierte und leidenschaftliche Fußballer, den Rest seines Lebens bewegungsunfähig und geistig angeschlagen in einem Bett verbringen müsste, machte mich fast wahnsinnig. Dazu kämen die Konsequenzen für uns, seine Eltern und Geschwister, mit dieser Situation umgehen zu müssen. Was wünsche ich meinem Sohn – diese Frage begann in mir zu arbeiten. Sollte ich ihm wünschen, dass er stirbt, oder dass er überlebt, auch wenn es ein beschissenes Leben sein könnte. Die Frage paralysierte mich und versetzte mich in eine Art Schockstarre. Durfte ich als Vater überhaupt solche Gedanken haben?

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Das Vertrauen und die Unterstützung meines eigenen Vaters in meine Selbstbestimmung und das von mir gewünschte Leben hatte ich nie bekommen. Mit einem Mal wurde es für mich klar: Es geht nicht darum, was ich will, es geht darum, was mein Sohn will. Nicht ich habe zu entscheiden, ob Birk besser sterben oder wie auch immer leben soll, das kann nur allein seine Entscheidung sein. Und – er kämpfte, da war ich mir sicher. Mit dieser inneren Klarheit gab es für mich nur noch eine Richtung, volle Kraft voraus. In diesem Kampf stehe ich zu hundert Prozent und mehr an Birks Seite. Denn in diesem Kampf ums Überleben und in ein neues Leben brauchte er jede Unterstützung, die er bekommen konnte. Was könnte ich wie tun, um ihn optimal zu unterstützen, was bräuchte er kurzfristig, mittelfristig, langfristig? Ich war gefordert, noch einmal „neu“ und ganz Vater zu sein.

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Hatte ich anfangs intuitiv und emotional bestimmt meinem Sohn versprochen, hundertprozentig für ihn da zu sein, so hatte mein Versprechen auch rationale gute Gründe. Er brauchte wirklich alle Unterstützung, so schwer hatte es ihn getroffen. Besonders auf der emotional, energetischen Ebene sind Eltern, Geschwister und sehr gute Freunde entscheidend. Mir wurde bewusst, dass Birk in seiner schwierigen Situation dringend neben seiner Mutter als Elternteil jetzt wieder mich seinen Vater, als männlichen Elternteil voll und nicht nur eingeschränkt brauchte. Eine Mutter kann den Vater nicht ersetzen, ein Vater kann die Mutter nicht ersetzen. Und nur alle zusammen, Mutter, Vater, Geschwister und nahestehende Freunde, konnten durch ihre Präsenz den vertrauten und sicheren „Raum“ schaffen, den Birk brauchte, um ins Leben zurückzukommen und die Herausforderungen anzunehmen, vor denen er stehen würde.

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Nach und nach machte sich bei uns etwas Resignation breit. So viele Monate mit Willen und Disziplin gekämpft und gehofft, aber das Erreichen seines Ziels, wieder der Alte zu werden, war nicht in Sicht. Die Frage war, wie Birk mit dieser Situation umgehen würde. Auch wenn mir durchaus bewusst war, dass sein Wunsch, wieder der Alte zu werden, unrealistisch war, waren die zum Ende der Früh-Reha in einem Statusbericht zusammengefassten Diagnosen und Perspektiven doch noch einmal ein Schock für mich. Mein Sohn war schwerbehindert und würde es perspektivisch bleiben, so verstand ich die zentralen Aussagen des Berichts. Schwere kognitive Defizite und Sprechprobleme sowie rechtsseitige starke Bewegungseinschränkungen würden Birk sein Leben lang begleiten. Das begutachtende Ärzteteam schlug außerdem vor, dass die elterliche Betreuung vom Gericht auf sieben Jahre, dem gesetzlich maximal möglichen Zeitraum für eine Betreuung, festgelegt werden sollte. Ich glaube, dass mein Sohn sich der Aussagen dieses Berichts in der vollen Schärfe gar nicht bewusst war. Er wollte in jedem Fall wieder gesund werden und Fußball spielen, auch wenn es vielleicht länger dauern würde, als er erhofft hatte. Wenn auch nicht so optimistisch war auch ich der Überzeugung, dass Birk mit seiner starken Motivation und Disziplin deutlich weiterkommen könnte, als es der „schulmedizinische“ Statusbericht implizierte. Während er als Ziel hatte, wieder der „alte“ Birk zu werden, begann sich bei mir ein Bild zu entwickeln, wie wohl der „neue“ Birk sein könnte.

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Dem Gehirn ist es egal, wodurch es bei seiner Neustrukturierung motiviert wird, Hauptsache es wird motiviert. Birks Fußballbegeisterung und sein Ziel, wieder Fußballspielen zu wollen, kamen durch die Möglichkeiten in der Sport-Reha richtig in Schwung. Die Therapieeinheiten und das Training auf dem Platz waren speziell auf Fußball ausgerichtet. Zwar kam mein Sohn nur langsam und in kleinen Schritten voran, jedoch nährte das seine Hoffnung auf baldige Besserung. Immerhin lernte er nach und nach wieder einige Grundfertigkeiten des Fußballs zu praktizieren, wie beim Laufen den Ball zu führen, Pässe zu spielen und zu schießen. Mir kam die Einsicht, dass es für Birk zuallererst darum gehen musste, wieder eine elementare funktionale Basis herzustellen, bevor vielleicht irgendwann weitergehende Dinge möglich werden würden. Mein Sohn war durch den Unfall und den Folgen in seiner körperlichen und geistigen Entwicklung extrem stark zurückgeworfen worden. Ich begann ihn in einem neuen Licht zu sehen, und ich war stolz auf ihn. Mit welchem Willen er kämpfte, wie er all seine Fähigkeiten einsetzte, um mit seiner neuen Situation klarzukommen, und wie er sich auf neue Dinge einließ.

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Bergrunter fahren und merken, dass die Bremse nicht funktioniert
Das ist die Beschreibung eines Gefühls, von dem ich selbst zunehmend bestimmt wurde. Ein Gefühl, dass ich bisher noch nicht kannte. Ich verlor die Kontrolle über mich und mein Handeln. Je stärker sich dieser Kontrollverlust bemerkbar machte, umso mehr ließ ich mich treiben, wurde ich willenlos, wurde mir alles egal. Ich hatte nicht die Kraft, das Steuer wieder in die Hand zu nehmen. So etwas wird landläufig Burnout genannt. Das, was ich bei Birk unbedingt verhindern wollte, dass er ins Loch fällt, in die Depression kommt, das hatte jetzt mich erwischt. Zwar war ich immer wieder mit meinen Grenzen konfrontiert worden, und hatte auch mehrmals gemerkt, dass ich sie überschreite. Irgendwie war es mir gelungen, meine Überlastung und Erschöpfung auszuhalten. Aber jetzt war Schluss. Körper und Geist wollten nicht mehr und brauchten eine Pause.
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Wie hatte ich die große Belastung bisher aushalten können? Meine Antwort auf diese Frage ergab sich nach und nach. Weil ich eine innere Antriebsfeder hatte, eine innere mir sinngebende Motivation, die da war: Mein Sohn braucht mich, seinen Vater, um wichtige Impulse, neue Motivation, Zuversicht und optimale Reha-Bedingungen für sein neues Leben zu bekommen. Mit meiner Erkenntnis, dass Birks Hauptwunsch, wieder Fußball spielen zu können, wohl nicht realistisch war, zumindest im Moment nicht, brach in mir etwas von meiner bisherigen sinngebenden Motivation zusammen.

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